LERNLANDKARTE

Eine Mittelschule macht sich für mehr Bildungsgerechtigkeit stark

An der bayerischen Eichendorffschule lernen fast 400 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren. Viele der Schüler:innen stammen aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Die Mittelschule entwickelt zielstrebig ihren Unterricht weiter, um den Lernenden einen erfolgreichen Bildungsweg zu ermöglichen.

Die Vision

2015 macht sich die Schule auf den Weg, ihren Unterricht zu verändern. Sie möchte mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. „Uns liegt am Herzen, dass die Kinder, die zu uns kommen und denen das Gymnasium oder die Realschule nicht zugetraut wurde, wieder Freude am Lernen gewinnen und an sich selbst glauben“, sagt Schulleiter Helmut Klemm.

Auf Augenhöhe

„Wir selektieren nicht, sondern wir differenzieren. Bei uns dürfen sich die Kinder entwickeln. Wir führen mit ihnen Gespräche auf Augenhöhe. Die Lehrkraft agiert als Coach:in und nicht von oben nach unten. So gelingt es uns, dass die Schüler:innen selbstbewusst ihre eigenen Wege gehen“, erklärt Schulleiter Helmut Klemm

Ganztag statt Hausaufgaben

Um ihren Schüler:innen mehr Chancen auf Bildungserfolg zu ermöglichen, entscheidet sich die Schule, einen Ganztagsbetrieb aufzubauen. „Wir wollen mehr Zeit mit den Schüler:innen verbringen, um sie zu fördern und zu stärken. Die Hausaufgaben schaffen wir ab, sie verlagern und verschärfen das Problem nur“, so Helmut Klemm.

Raum der Mathematik

2015 eröffnet die Eichendorffschule eine Lernwerkstatt für das Fach Mathematik. Zwei Stunden pro Woche besuchen die Schüler:innen dafür einen besonderen Raum, der restliche Mathematikunterricht findet im Klassenzimmer statt. 2017 entscheidet sich die Schule, dieses Konzept konsequenter umzusetzen, und entwickelt den „Raum der Mathematik“ – eine vorbereitete Lernumgebung mit allen notwendigen Materialien. Hier findet das gesamte mathematische Lernen der 5. und 6. Klassen statt. Die Kinder können sich in ihrem eigenen Tempo selbstständig die Inhalte erarbeiten – unterstützt durch die Lehrkräfte als Lernbegleiter:innen. „Aus dem Frustfach Mathe ist so ein Lieblingsfach geworden“, sagt Helmut Klemm.

Vier Bildungsprinzipien …

… definiert die Schule 2016. Diese Prinzipien prägen fortan das Lernen und Lehren an der Eichendorffschule:

Wissen neu lernen
Potenziale entfalten
Zusammen leben
Verantwortung übernehmen und Herausforderungen meistern

Zweifel

„Mich haben kritische Stimmen im System verunsichert, die meinten, dass wir unsere Schüler:innen nur mit Struk-tur und strengen Vorgaben führen können. Wir haben dann Wissenschaftler:innen kennengelernt, die uns bestärkt haben. Mit ihrer Hilfe haben wir zum Beispiel das Lernma-terial an unsere Kinder angepasst“, erklärt Helmut Klemm.

Lernbüroarbeit

Um das selbstständige und eigenverantwortliche Lernen fortzusetzen, führt die Eichendorffschule 2018 die Lernbüroarbeit ab der Jahrgangsstufe 7 ein. In den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch geben die Lehrkräfte fachliche Inputs, anschließend lernen die Schüler:innen in ihrer eigenen Geschwindigkeit und auf unterschiedlichen Niveaustu-fen weiter. Das Kollegium bereitet dazu gemeinsam die Lernmaterialien als Bausteine auf. Je älter die Schüler:innen sind, desto freier können sie wählen, welchen Baustein sie wann bearbeiten.

Die Inspiration …

… für die Arbeit in Lernbüros findet die Eichendorffschule im Rahmen einer Hospitation an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum.

Schulpreis-Nominierung

Die Eichendorffschule ist 2019 für den Deutschen Schulpreis nominiert. „Die Nominierung zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Sie schützt uns vor Kritiker:innen im System“, sagt Schulleiter Helmut Klemm. Die Eichendorffschule nutzt die anschließende Unterstützung und nimmt am Entwicklungsprogramm (heute: Forum des Deutschen Schulpreises) und am Hospitationsprogramm des Deutschen Schulpreises teil. Mithilfe der Begleitung hat die Schule ihre Ziele geschärft, die Arbeit in Lernbüros ausgebaut und die Struktur der Lernentwicklungsgespräche präzisiert.

Schulen der Schule

2021 führt die Eichendorffschule fünf neue „Schulen“ ein, die mehr sind als herkömmliche Arbeitsgemeinschaften. Sie ermöglichen den Schüler:innen, entsprechend ihrer individuellen Interessen und projektorientiert zu lernen. Die Schulen werden jeweils von einer Lehrkraft als „Schulleitung“ geführt und setzen auf enge Kooperation mit außerschulischen Partnern. 

Gelingensbedingungen …

für die Unterrichtsentwicklung an der Eichendorffschule:

• gemeinsame Haltung des Kollegiums im Hinblick auf die eigene Rolle: vom Lehren zur Lernbegleitung
• regelmäßige Hospitationen innerhalb des Kollegiums und an anderen Schulen
• Teamwork statt Einzelkämpfertum
• regelmäßige Evaluationen und anschließendes Nachjustieren
• Vernetzung mit gleichgesinnten Schulen
• …

Frei Day

Zusätzlich zum Raum der Mathematik und zur Lernbüroarbeit arbeitet die Eichendorffschule seit 2022 daran, das projektorientierte Lernen zu stärken. Auf der Suche nach einem passenden Konzept ist das Kollegium bei der Idee des „Frei Days“ gelandet. In diesem Lernformat beschäftigen sich die Schüler:innen mit selbstgewählten Zukunftsfragen.

Gamechanger

2023 bewirbt sich die Eichendorffschule nach einer intensiven Weiterentwicklung erneut für den Deutschen Schulpreis. „Ein Jurymitglied sprach nach dem Schulbesuch von unserer Schule als einem ‚Gamechanger‘: Wir verändern das Leben unserer Kinder und Jugendlichen zum Positiven. Wir stärken ihr Selbstbild, öffnen Horizonte, geben ihnen Perspektiven. Dieses Feedback hat uns gefreut“, so Helmut Klemm.

Erfolge

Zum Schuljahresende 2022/23 ist der dritte Jahrgang, der die „neue“ Eichendorffschule mit dem Raum der Mathematik und dem Lernbüro durchlaufen hat, fertig. „Jede:r schafft hier einen Abschluss“, so Helmut Klemm.