Die jüngsten PISA-Ergebnisse sind alarmierend: Die Ergebnisse der deutschen Schüler werden immer schlechter, besonders in Mathe. Im Raum der Mathematik an der Eichendorffschule gelingt der gegenteilige Trend: Nach der Grundschule werden die meisten Kinder erst mal besser. Das Nachrichtenmagazin FOCUS berichtet darüber in seiner Septemberausgabe, gerade rechtzeitig zum Beginn des neuen Schuljahres.
FOCUS – Wissen / Bildung
„Zainab, du bist spitze.“ Zainabs drei Freundinnen formen mit den Händen über ihren Köpfen Spitzen. Die vier Fünftklässlerinnen sitzen im Raum der Mathematik der Eichendorffschule in Erlangen an einem Tisch. Zainab hat gerade die Aufgabe mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad gelöst. Schüchtern blickt sie nach unten. „Frau Leykauf, sagen Sie ihr, dass sie gut in Mathe ist“, ruft eine der drei Freundinnen. „Ja, du bist spitze, Zainab“, sagt diese.
Förderlehrerin Gabriele Leykauf versucht, das zu verhindern, was die jüngste Pisa-Erhebung vergangenen Dienstag schwarz auf weiß präsentierte: Deutschlands Schüler werden immer schlechter. Pisa, die wichtigste international vergleichende Bildungsstudie, wird seit dem Jahr 2000 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht. In regelmäßigen Abständen untersucht sie die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren. Dabei geht es nicht allein um schulische Fachkenntnisse, sondern vielmehr um die Frage, inwieweit Jugendliche über jene Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, die sie für eine erfolgreiche Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitswelt benötigen. Das geschieht in den drei zentralen Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.
Das Ergebnis ist so ernüchternd wie erwartbar: In allen drei Bereichen wurden „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt“, heißt es. Noch beunruhigender als die Bewertung des Fachwissens stellt sich das Verhältnis deutscher Schüler zu den Bildungsstätten dar: 75 Prozent glauben nicht daran, dass Schule sie auf ihr Leben als Erwachsene vorbereitet, 62 Prozent berichten von Mobbingvorfällen, und ein Drittel hält die Zeit an der Schule gar für verloren.
Schulpreis für die Eichendorffschule
In Erlangen kämpft Gabriele Leykauf genau gegen dieses Gefühl an. Viele Schüler, die nach der vierten Klasse an die Eichendorffschule kommen, denken, sie seien schlecht, sagt sie. Schlecht in Mathe, schlecht in Deutsch, schlecht in allem. Sie zählen nicht zu den 80 Prozent derjenigen, die es auf ein Gymnasium oder eine Realschule schaffen. Die Eichendorffschule ist eine Mittelschule, die bayerische Form der Hauptschule. „Meine erste Aufgabe ist es, das Selbstbewusstsein der Kinder zu heben, vorher kann Lernen nicht funktionieren“, stellt Leykauf fest.
Ihre Schule wurde vor drei Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Sie soll ein Vorbild sein – in einer Landschaft zunehmend überforderter Schulen. Die Herausforderungen sind bekannt: Lehrermangel, Digitalisierung, Nachwirkungen der Corona-Pandemie und nicht zuletzt die hohen Migrationszahlen seit 2015. Knapp ein Drittel der Schüler in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte, an der Eichendorffschule sind es 70 Prozent. Dennoch schafften dort doppelt so viele Schüler den mittleren Schulabschluss wie der Durchschnitt aller Mittelschulen in Bayern – und wurden dafür mit dem Preis belohnt.
Schulleiter Helmut Klemm geht durch einen Flur der Eichendorffschule. Links und rechts sind die Wände des 60er-Jahre-Baus knallgelb gestrichen. Klemm, graue Haare, grauer Bart, ist hier seit 2009 Schulleiter. Damals, so erzählt er, habe er vor Schuljahresbeginn ein Gespräch zwischen Vätern mitbekommen. Der eine habe zum anderen gesagt: „Ja, was bleibt dir übrig? Dann musst du dein Kind auf diese Assi-Schule schicken.“
Klemm wollte dieses Bild wandeln. In seinem Büro an einer Pinnwand hängt heute ein Foto, das am 12. Oktober 2023 aufgenommen wurde. Da steht er bei der Verleihung des Schulpreises neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf einer Bühne und reckt die Arme nach oben.
Er hat etwas geändert am Schulkonzept: In einigen Fächern lernen die Kinder heute selbstorganisiert. Das heißt, die Lehrkraft unterrichtet nicht frontal über ein Thema, sondern agiert als Lernbegleiter. Und die Schüler entscheiden selbst über ihr Lerntempo. Stufe für Stufe können sie sich an einer Lernleiter hocharbeiten.
Im Raum der Mathematik bei Gabriele Leykauf werden die Kinder auf das selbstorganisierte Lernen vorbereitet, das in der siebten Klassenstufe in Mathe, Deutsch und Englisch startet. Heute können Zainab und ihre Mitschüler zwischen drei Arbeitsblättern mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad wählen. Sind sie fertig, holen sie sich ein Lösungsblatt. Brauchen sie Hilfe, stellen sie Fragen.
„Der Bund bestellt, aber bezahlt nicht“
Mit solchen alternativen Ideen vom Lernen ist die Eichendorffschule nicht allein. Auch die Politik kämpft um den richtigen Weg, Deutschland aus der Bildungskrise zu führen. Allerdings scheitert sie allzu oft an der Finanzierung. Das jüngste Beispiel ist das neue Kita-Gesetz von Bundesbildungsministerin Karin Prien. Weil Bildungschancen in Deutschland stark vom Elternhaus abhängen, will sie, dass Kinder spätestens mit vier Jahren auf ihren Sprach- und Entwicklungsstand untersucht und bei Bedarf gefördert werden. Ein Ansatz, der von Experten begrüßt wird, allerdings kürzt Prien mit dem neuen Kita-Gesetz auch die Finanzmittel für die Weiterentwicklung der Kita-Qualität für die kommenden Jahre um ein Viertel. „Der Bund bestellt, aber bezahlt nicht“, kritisiert der Paritätische Gesamtverband.
Ein anderes Beispiel ist das Startchancen-Programm. Damit fördert Deutschland seit dem Schuljahr 2024/25 gezielt Brennpunktschulen. Geistiger Vater ist Ties Rabe. Von 2011 bis 2024 war er Bildungssenator in Hamburg, hievte die Hansestadt im nationalen Bildungsmonitor vom 14. auf den 3. Platz. Der Bund übernahm das Konzept. Allerdings liegt die Fördersumme nun bei maximal zwei Milliarden Euro jährlich. Viel zu wenig, kritisieren Rabe und andere Experten. Die gesamten öffentlichen Ausgaben für Bildung liegen in Deutschland bei etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr. Und: Anders als in Hamburg ist nicht jedes Bundesland verpflichtet, den Lernerfolg der Schüler datengestützt zu verfolgen.
Ab August greift an deutschen Schulen außerdem das Recht auf Ganztagsbetreuung für Erstklässler. Doch wie eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, fürchtet jede vierte Grundschule, diese aus Platz- und Geldmangel nicht anbieten zu können. Hinzu kommt: Der Anspruch garantiert zwar die Betreuung, aber keine verbindlichen pädagogischen Qualitätsstandards. So scheitert vieles, was sich in anderen Ländern bewährte, hierzulande an der Bürokratie oder an Geldknappheit.
Auch Klemm bekommt das zu spüren. Beim Gang durch die Schulgebäude bleibt er vor einer Wand stehen, an der zahlreiche Urkunden eingerahmt hinter Glasscheiben hängen – die „Heldenwand“. Die sei dazu da, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Zwar gehen die Schüler der Eichendorffschule nicht auf ein Gymnasium, aber auch sie haben Talente. Der Schulleiter sieht sich in einem Kampf gegen Ungerechtigkeit im Schulsystem. Alle Gymnasien im Umkreis wurden bereits saniert, während die Kinder der Eichendorffschule immer noch in einem 60er-Jahre-Bau sitzen.
Unterdessen sind Großbritannien und die Schweiz an Deutschland im Pisa-Ranking vorbeigezogen. Bildungsforscherin Anne Sliwka von der Universität Heidelberg nennt drei Gründe: „Sie beginnen viel früher mit dem Lernen, nämlich bereits ab vier Jahren. Sie haben die Lehrer mit vorbereiteten Materialien massiv entlastet und die Unterrichtspläne so verändert, dass sie aufeinander aufbauen und stets geprüft wird, wo das Kind steht.“
Lernstandsdiagnosen gehören dazu
Für Klemm war der Schwenk hin zu selbstorganisiertem Lernen eine Reaktion auf die große Diversität in der Schülerschaft. Lehrerinnen und Lehrer stehen heute vor Klassen, in denen einige mit ihren Eltern bereits im Kleinkindalter das Alphabet gelernt haben, während andere nicht richtig Deutsch sprechen. Werden die Kinder frontal unterrichtet, erhalten alle das gleiche Programm. Lernen sie jedoch selbstorganisiert, sagt Klemm, könne man individuell das Leistungsniveau anpassen.
Ob das funktioniert, darüber sind Pädagogen uneins. Startchancen-Erfinder Ties Rabe nennt die Entwicklungen rund um das selbstorganisierte Lernen einen gefährlichen Hype. „Dass wir ein grundsätzlich anderes Schulsystem brauchen, halte ich für Quatsch“, so Rabe, „ich sage: Das dauert viel zu lange. Fangt doch einfach mal an und übt mehr Lesen, Rechnen, Konzentrieren und Denken.“ Auch Anne Sliwka hat gemischte Gefühle. Sie setzt sich – ähnlich wie Schulleiter Klemm – für ein Lernen nach dem Leiterprinzip ein: „Wer eine Stufe einer Leiter nicht verstanden hat, der soll sie nicht einfach überspringen“, sagt sie. Dennoch sollte geprüft werden, wo die Kinder stehen: „Ohne Diagnose entstehen Lücken, die später Barrieren bilden.“ Und für den Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer ist die Frage nach der Art des Unterrichts gar nicht entscheidend. „Ein guter Unterricht muss herausfordern und motivieren. Lehrer müssen positive Beziehungen aufbauen, Feedback geben und die Schüler mitbestimmen lassen.“
Bei einer Frage sind sich Klemm und die Experten einig: Entscheidend ist die Schulleitung. Zierer sagt: „Wenn Schulleiter eine Vision haben, ihr Kollegium zusammenbringen können und Mut haben, dann kann eine Schule besser werden.“
Durch den Raum der Mathematik trottet auch eine Weimaraner-Hündin. Vasca heißt sie. Die Kinder sollen sich mit ihr wohlfühlen. Gerade haben sie ihren heutigen Lernfortschritt in ihren Logbüchern dokumentiert. Theoretisch hätten sie einfach die leichteste Aufgabe bearbeiten können. Aber Leykauf sagt, dass sie sich durchaus fordern wollen. Zainab meldet sich: „Ich bin stolz auf mich, weil ich ein Arbeitsblatt gemacht habe und alles richtig war.“ Vielleicht ist die Eichendorffschule nicht deshalb so erfolgreich, weil sie den Raum der Mathematik hat und die Lernbüros, sondern weil sie ihre Schüler ernst nimmt und ihnen etwas zutraut. ■
Zitat: »Schule reagiert oft zu langsam auf Herausforderungen« – Helmut Klemm, ehemaliger Schulleiter
Autor: Christian Schneider hätte sich an seiner Schule auch ein solches Ganztagsangebot wie an der Eichendorffschule gewünscht: BMX fahren, Filme drehen, Schultiere pflegen …